Viele Menschen stellen sich nach einer Diagnose die gleiche Frage: Wie kann es sein, dass ich sowohl im Autismus-Spektrum bin als auch ADHS habe? Passt das überhaupt zusammen?
Lange Zeit wurden Autismus und ADHS getrennt betrachtet. Heute zeigt die moderne Forschung ein differenzierteres Bild: Beide gehören zu den sogenannten neuroentwicklungsbedingten Profilen. Das bedeutet, dass sich bestimmte Bereiche des Gehirns bereits in der frühen Entwicklung anders organisieren. Und genau hier beginnt die Überschneidung. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass ein erheblicher Anteil der Menschen mit Autismus auch deutliche ADHS-Merkmale aufweist. Die Forschenden beschreiben diese Kombination nicht als Ausnahme, sondern als häufiges und konsistentes Entwicklungsprofil. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38695661/
Aber warum ist das so? Der wichtigste Grund liegt in gemeinsamen biologischen Grundlagen. Sowohl Autismus als auch ADHS betreffen Netzwerke im Gehirn, die für Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung, Impulssteuerung und soziale Informationsverarbeitung zuständig sind. Wenn diese Netzwerke sich in ihrer Entwicklung anders strukturieren, kann das verschiedene Auswirkungen haben. Bei manchen Menschen äußert sich das stärker in sozialen Besonderheiten und sensorischer Sensibilität – typische Merkmale des Autismus. Bei anderen stehen Unaufmerksamkeit, innere Unruhe oder Impulsivität im Vordergrund – typische Merkmale von ADHS. Und bei vielen Menschen zeigen sich beide Muster gleichzeitig. Eine aktuelle Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 im Fachjournal Frontiers in Psychiatry beschreibt genau diese Überlappung. Besonders deutlich werden gemeinsame Herausforderungen in den sogenannten exekutiven Funktionen – also in Bereichen wie Planung, Strukturierung, Arbeitsgedächtnis und Emotionsregulation. Diese Funktionen sind bei beiden Profilen häufig anders ausgeprägt. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39345916/
In der deutschsprachigen Fachliteratur wird diese Doppelperspektive ebenfalls aufgegriffen. So beschreibt Bendis A. I. Saage in dem Buch ADHS und Asperger Syndrom: Leben mit Doppeldiagnose, wie sich beide Diagnosen im Erwachsenenalter gegenseitig beeinflussen und warum eine integrierte Betrachtung sinnvoller ist als eine getrennte Sichtweise. Das Buch verbindet neurobiologische Grundlagen mit alltagsnahen Strategien und richtet sich direkt an Betroffene.
Wichtig ist dabei: Die Kombination aus Autismus und ADHS ist nicht einfach „Autismus plus ADHS“. Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich bei Menschen mit beiden Diagnosen spezifische Muster in der Gehirnvernetzung finden, die sich von einzelnen Diagnosen unterscheiden. Das kombinierte Profil ist also eine eigenständige neurobiologische Ausprägung – nicht bloß eine Addition. https://ircn.jp/en/pressrelease/20230714_takamitsu_watanabe
Für Betroffene ist diese Erkenntnis oft entlastend. Viele beschreiben, dass sie sich lange „widersprüchlich“ gefühlt haben: Einerseits das Bedürfnis nach Struktur und Vorhersehbarkeit, andererseits Schwierigkeiten, genau diese Struktur aufrechtzuerhalten. Einerseits intensive Fokussierung, andererseits sprunghafte Aufmerksamkeit. Wenn man versteht, dass beide Profile auf überlappenden, aber unterschiedlich gewichteten Gehirnprozessen beruhen, ergibt dieses Erleben plötzlich Sinn.
Die heutige Forschung geht zunehmend davon aus, dass neurologische Entwicklung kein starres Schubladensystem ist. Autismus und ADHS liegen auf teilweise überlappenden Dimensionen. Deshalb ist es nicht überraschend, sondern biologisch plausibel, dass viele Menschen beide Diagnosen haben.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Autismus und ADHS überschneiden sich, weil sie gemeinsame genetische Grundlagen teilen, ähnliche Gehirnnetzwerke betreffen und sich in bestimmten kognitiven Funktionen ähneln. Sie sind eigenständige Profile – aber sie entstehen teilweise aus denselben Entwicklungsprozessen.


