Autismus wird bei Frauen häufig erst spät erkannt. Anders als bei Jungen fallen die Anzeichen oft weniger deutlich auf. Viele Frauen lernen früh, ihre Symptome hinter einer sozialen Fassade zu verbergen – Fachleute sprechen dabei von Masking oder Camouflaging.
Studien weisen darauf hin, dass Frauen deutlich häufiger Masking betreiben als Männer. Sie beobachten andere Menschen sehr genau und imitieren deren Verhalten, um nicht negativ aufzufallen. Nach außen wirken sie angepasst, höflich und sozial kompetent, obwohl sie in Wahrheit oft unter großem Stress stehen.
Typische Symptome von Autismus bei Frauen sind chronische Erschöpfung nach sozialen Kontakten, das Gefühl, ständig eine Rolle spielen zu müssen, Schwierigkeiten, enge Freundschaften langfristig aufrechtzuerhalten, ausgeprägte sensorische Empfindlichkeiten und intensive Spezialinteressen. Diese Interessen fallen weniger auf, wenn sie gesellschaftlich akzeptiert sind, etwa wenn es zum Beispiel um Tiere, Literatur oder Mode geht.
Viele Frauen entwickeln bereits in der Kindheit Strategien, um nicht als „anders“ aufzufallen. Diese Anpassungsleistungen haben jedoch einen hohen Preis: Die dauerhafte Selbstüberforderung führt oft zu Angststörungen, Depressionen oder einem Burnout. Viele Frauen mit Autismus ihre Diagnose erst im mittleren Erwachsenenalter – häufig erst nach einer persönlichen Krise. Die späte Diagnose bedeutet einerseits Erleichterung und neue Selbstakzeptanz, andererseits auch Trauer über jahrelange Missverständnisse und fehlende Unterstützung.
Ein weiteres Risiko betrifft den Umgang mit anderen Menschen. Frauen mit Autismus haben oft Schwierigkeiten, ihre eigenen Grenzen klar zu erkennen oder durchzusetzen. Dadurch geraten sie leichter in ungesunde Beziehungen oder werden ausgenutzt. Das starke Bedürfnis, dazuzugehören, spielt dabei auch eine zentrale Rolle. Die ständige Anpassung verstärkt diesen Effekt, weil Betroffene lernen, ihre eigenen Bedürfnisse und Warnsignale zu übergehen.
Heute ist bekannt, dass es mehr Wissen über geschlechtsspezifische Formen von Autismus braucht. Diagnostische Verfahren sollten auch subtilere Anzeichen erfassen, um die Gefahr von Fehldiagnosen zu verringern. Viele Frauen berichten, dass sie erst durch den Austausch mit anderen Betroffenen erkannt haben, wie sehr sie Masking betrieben haben.
Wenn Sie den Verdacht hast, selbst betroffen zu sein oder eine Frau in Ihrem Umfeld ähnliche Erfahrungen macht, kann eine spezialisierte Autismus-Diagnostik und eine Autismus-Beratung helfen. Sie bietet Unterstützung dabei, die eigenen Muster besser zu verstehen, Masking zu reflektieren und individuelle Strategien für den Alltag zu entwickeln.
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Literaturhinweise
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- Pohl, A. L. et al. (2020): Uncovering Autism: A qualitative examination of how autistic women with late diagnoses make sense of their lives. Autism, 24(6), 1531–1542.
- Miller, L. E. et al. (2018): Girls and Autism: A Longitudinal Study of Diagnosis, School Experience, and Access to Support. Journal of Autism and Developmental Disorders, 48(6), 2044–2055.


