Der Nachmittag hatte gerade einen Rahmen bekommen: Mittagessen, danach Zeit am Pool, abends ein ruhiges Restaurant. Dann sagt der Partner beim Kaffee: „Lass uns doch gleich noch in die Eisdiele fahren, die haben wir vorhin gesehen.“ Ein einzelner Satz, gut gemeint, spontan – und trotzdem verschiebt sich damit der gesamte Nachmittag. Für Menschen im Autismus-Spektrum bedeutet das oft nicht Freude auf etwas Neues, sondern ein plötzliches Neu-Sortieren: Was passiert jetzt mit dem Pool, mit der Ruhezeit, mit dem Restaurant später?
Urlaub ist für Menschen mit Autismus deshalb oft anstrengender als der Alltag, weil mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig auftreten: eine fremde Umgebung ohne bekannte Routinen, ständige soziale Nähe ohne gewohnte Rückzugsmöglichkeiten, und vor allem spontane Planänderungen am selben Tag, die einen bereits feststehenden Ablauf plötzlich infrage stellen. Eine Änderung für morgen ließe sich meist noch einbauen. Eine Änderung für den gleichen Tag, ohne Vorlauf, trifft direkt in einen Ablauf, der bereits im Kopf feststeht.
In Paarbeziehungen entsteht daraus oft ein wiederkehrendes Muster: Der eine Partner erlebt Urlaub als Zeit ohne Verpflichtungen, in der spontane Ideen willkommen sind. Der andere Partner im Spektrum braucht das Gegenteil – einen Rahmen, der Sicherheit gibt, gerade an dem Tag selbst. Der neurotypische Partner empfindet Struktur schnell als einengend, der Partner im Spektrum empfindet kurzfristige Änderungen als Kontrollverlust. Beide Bedürfnisse sind berechtigt, sie widersprechen sich nur, wenn niemand einen gemeinsamen Weg dafür findet.
In Familien mit Kindern kommt eine weitere Ebene hinzu. Der Tagesablauf wird nicht nur vom Partner mitbestimmt, sondern auch von den spontanen Wünschen der Kinder, die selbst wenig Verständnis für den Bedarf an Vorhersehbarkeit haben. Dazu kommt häufig eine unsichtbare Zusatzaufgabe: Viele Eltern im Spektrum organisieren im Hintergrund nicht nur die eigene Belastung, sondern auch, wie sie den Kindern die eigene Erschöpfung erklären oder verbergen sollen – eine Doppelbelastung, die im Urlaub, der eigentlich Erholung bringen soll, oft übersehen wird.
Diese Belastungen sind kein Zeichen dafür, dass Urlaub grundsätzlich nicht funktioniert. Sie zeigen, dass die übliche Vorstellung von Urlaub – spontan, offen, ohne festen Rahmen – nicht für jeden passt. Es gibt konkrete Wege, Urlaub als Paar oder Familie so zu gestalten, dass er tatsächlich erholsam wird, auch mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen im Spektrum.
Manchmal reicht die Zeit bis zum nächsten geplanten Gespräch nicht aus, gerade wenn eine akute Überforderung mitten im Urlaub entsteht. Für genau solche Situationen biete ich eine Akutsprechstunde an: eine Beratung innerhalb von 48 Stunden, auch am Wochenende.
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